Fotos der Judo-Präsentation 100 Jahre TuS Bothfeld am 22.06.04 im Festzelt
Judo?....? Was ist das
denn???
Die
folgenden Zeilen sollen versuchen, diese Frage zumindest andeutungsweise zu
beantworten. Der Text basiert auf einer Ausarbeitung aus dem Jahre 1974, die von
Wolfgang Hofmann, dem Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Tokyo
1964 verfasst wurde.
Ich
habe nur ein wenig gekürzt und aktualisiert.
Wolfram Diester
Also:
Was ist Judo?
Wettkampsport?
Fitnesstraining? Befreiendes Spiel? Erziehung? Selbstverteidigung?
Für
jeden kann Judo etwas anderes bedeuten. Als der Japaner Prof. Jigoro Kano vor
ca. 120 Jahren die erste Judo-Schule der Welt gründete, (1882 den Kodokan in
Tokyo) glaubte er besonders zwei Probleme zu lösen: Er wollte ein
Gymnastiksystem schaffen, das den Körper gesund und fit erhält und trotzdem
nicht langweilig ist. Und außerdem wollte er seine schon damals zu fanatisch
studierenden Schüler durch einen interessanten Wettkampfsport an der für Japan
neuen Amateursportbewegung teilnehmen lassen. Jahre später, als Leiter einer
Lehrerakademie, betonte er den erzieherischen Wert des Judo. Höflichkeit,
Einsatzbereitschaft, Phantasie, Mut, Durchhaltevermögen werden im Judo verlangt
und können durch Judo gefördert werden. Heute nimmt die Zahl derer, die Judo
einfach deshalb betreiben, weil es ihnen Spaß macht, mit einem Partner auf der
Matte zu „spielen”, wert- und zweckfrei einen schönen Übungskampf (Randori)
zu bestreiten und dabei ein Gefühl der Befreiung und Befriedigung zu erleben,
wie es in der Berufswelt selten geworden ist, ständig zu.
Wenn
man eine gewisse Zeit Judo geübt hat, wird man alle Seiten dieses schillernden
Begriffs Judo näher kennen gelernt haben. Vielleicht ist dann Judo (wörtlich
„Der sanfte Weg“) auch zu einer Lebenseinstellung, zu einer Philosophie
geworden. Nur auf dem Motiv, aus dem heraus bestimmt mehr als die Hälfte der über
210 000 aktiven Judosportler in Deutschland zu ihrem Sport gefunden haben,
dem Motiv der Selbstverteidigung, werden die wenigsten stehen bleiben. Wer möchte
auch immer für den „Ernstfall” üben? Welcher 100-m-Läufer trainiert nur
deshalb, um im „Ernstfall” den gerade abfahrenden Bus noch erspurten zu können?
Sport
für die ganze Familie
Ein
guter Werbeslogan? Er hat auch den Vorteil wahr zu sein:
Es
gibt Wettkämpfe für Kinder, für Jungen und Mädchen ab 8 Jahren.
Meisterschaften werden durchgeführt für Jugendliche ab 14 Jahren und bei den
Erwachsenen ab 18 kämpfen in Deutschland seit 1970 auch die Damen (in eigenen
Klassen selbstverständlich). Es gibt zwar kaum einen Judo-Sportler, der älter
als 40 ist und noch öffentlich Wettkämpfe bestreitet, aber zu Ende ist die
Judo-Laufbahn deswegen noch lange nicht. Das hängt mit der Rolle zusammen, die
im Judo der öffentliche Wettkampf spielt: Man trainiert nicht für den Kampf
sondern man kämpft gelegentlich um das Training zu kontrollieren. Oder
japanisch ausgedrückt:
„Nicht
das Ziel ist wichtig, sondern der Weg dorthin!”
Außerdem
gibt die Übungsform der Kata (zeremonielles Demonstrieren richtiger Techniken
und Bewegungsabläufe) auch den äIteren oder den nicht mehr
wettkampfinteressierten Judoka die Möglichkeit, Erfolge und Fortschritte im
Judo zu erleben. Unvergessen sind die Bilder aus Japan, wie ein alter Opi mühsam
am Stock Schritt für Schritt zum Kodokan schleicht, an der Matte den Stock
ablegt, auf die Matte springt, rollt und wirft, seine Partner leerlaufen lässt
und sie im Bodenkampf, wo es nicht so sehr auf Schnelligkeit ankommt, hilflos
zappeln lässt.
Passende
Technik für jeden
Besondere
körperliche Voraussetzungen braucht man nicht! (Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer
und Geschmeidigkeit die man natürlich braucht, schafft man sich im Verlauf des
Trainings an). Einen speziellen Judo-Typ gibt es nicht. Keiner braucht zu sagen,
aus den und den Gründen — weil ich zu groß, zu klein, zu dick bin — werde
ich es nie schaffen. In anderen Sportarten trifft das vielleicht zu (ein 1,50 m
großer „Riese” mit dem Wunsch Hürdenläufer zu werden, wird wohl immer ein
hoffnungsloser Fall bleiben). Nicht so im Judo: Unter der Vielzahl der Techniken
findet jeder die für seinen Typ, seine Voraussetzungen passende heraus. Ein großer
Judoka wird zwar nie Erfolge mit Schulterwürfen haben, bei denen man tief in
Hocke vor dem Partner stehen muss; er wird sich lieber Techniken aussuchen, bei
denen er seine langen Beine gut einsetzen kann (z. B. große Außensichel)
Es ist ein großer Vorteil, dass es die absolute, objektiv messbare Leistung im
Judo nicht gibt. Ein gelungener, schöner Weitsprung von ... 2,80 m kann nicht
voll befriedigen angesichts der täglich im Fernsehen zu beobachtenden
8-m-Springer. Ein schöner Wurf, ein geglückter Bewegungsablauf, erfüllen den
Olympiasieger und Weltmeister im Judo mit der gleichen Freude wie den Anfänger
in einem Verein.
Was
erwartet Sie im Judo-Training?
Es
gibt keine einheitliche Auffassung über den Aufbau des Judo-Unterrichts. Jeder
Lehrer versucht auf seine Weise die Grundsätze zu verwirklichen:
Es
muss dem Schüler Spaß machen!
Man
muss Rücksicht auf die persönlichen Voraussetzungen nehmen!
Der
methodische Aufbau muss einsichtig sein!
Höflichkeit
und Disziplin dem Partner gegenüber sind notwendig!
Körperliche
Fitness und „Kondition” sind wichtig und werden systematisch aufgebaut!
Der
Fortschritt wird dokumentiert durch Gürtelprüfungen oder Erfolge in Wettkämpfen!
Fallübungen
— Ukemi
Am
Beginn der Ausbildung wird daher viel Zweckgymnastik stehen — später wird der
Anteil am Gesamttraining kleiner werden —, und werden vor allen Dingen die
Fallübungen, allein oder in Verbindung mit Würfen stehen. Sie geben ein
notwendiges Sicherheitsgefühl und schulen die Körperbeherrschung, die für die
schwierigeren Techniken notwendig ist.
Technikstudium
durch Wiederholung — Uchi-Komi
Bevor
die erlernten Techniken so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie auch
gegen den Widerstand des Partners funktionieren, vergeht viel Zeit. Man muss den
Wurf unter immer neuen Bedingungen mit immer neuen Partnern studieren, man muss
ihn tausend und abertausendmal wiederholen, ehe er wirklich sitzt. Mühsam?
Langwierig? Sicher, aber es macht Spaß den eigenen Fortschritt zu erleben. Ein
Intensiv-Schnell-Kurs reicht vielleicht, um auf der Schreibmaschine schreiben zu
lernen, aber Judo soll ihr Hobby, ihre Muße, ihre Philosophie werden...
Übungskampf
— Randori
Im
freien Kampf, besser im freien und lockeren Spiel mit dem Partner probieren Sie
aus, ob Ihre Technik wirksam ist oder nicht. Dieses Randori ist die Hauptübungsform
des Judo — manchmal kann ein ganzer Trainingsabend nur aus Randori bestehen
— und wer den Sinn erfasst hat, wer das „Spiel richtig zu spielen weiß”,
erlebt Befriedigung und Stolz. Die Betonung liegt bei diesem Übungskampf mehr
auf Übung als auf Kampf. Andererseits ist es keine Spielerei in der Art „Ich
werfe Dich, Du wirfst mich”. Werfen und geworfen werden, angreifen und
verteidigen, hereinlegen und selber ausgetrickst werden, triumphieren und
aufgeben, tief durchatmen und erschöpft sein ... schöne schwierige Kunst des
Randori.
Wettkampf
— Shiai
Der
Wettkampf ist anders. Nach einem Punkt, nach einem gelungenen Wurf oder Griff
ist der Kampf vorbei. Höchste Konzentration der Kräfte, ein guter Test über
die wirkliche Stärke Ihres Judo. Auch wenn Sie nicht an öffentlichen
Meisterschaften teilnehmen — dazu gehört eine lange, sorgfältige
Vorbereitung, ein planvolles Training — gibt Ihnen ein gelegentlicher
Wettkampf während des Trainings die gleichen Aufschlüsse.
Zeremonie
und Demonstration — Kata
Eine
Übungsform, wie sie nur die asiatischen Kampfsportarten kennen, ist die
sogenannte Kata. Am ehesten kann man Kata noch vergleichen mit dem Schaulaufen
beim Eiskunstlauf oder der Kür beim Kunstturnen. Genau einstudierte
Bewegungsabläufe verdeutlichen das Prinzip der Techniken oder Griffe. Besonders
für nicht mehr aktive Wettkämpfer und Judoka mit Talent zum „darstellenden
Spiel” stellen die Kata eine wunderbare Möglichkeit dar, Judo mit einem
Partner zu erleben, ohne gegen ihn kämpfen zu müssen.
Was
gibt es für Würfe und Griffe?
Würfe
– Nage-waza:
Hüftwürfe – Koshi-Waza
Fußwürfe – Ashi-Waza
Hand- und Schulterwürfe –
Te-Waza
Würfe durch Eigenfall –
Sutemi-Waza
Würfe durch Mitfallen –
Maki-Komi-Waza
Es
gibt ca. 70 verschiedene Würfe in den 5 Gruppen, die alle die Grundbewegungen:
den Partner ausheben, weg sicheln, weiterfegen, blockieren und rotieren lassen,
mehr oder weniger variieren.
Griffe
– Katame-waza:
Haltegriffe – Osae-Komi-Waza
Würgegriffe – Shime-Waza
Armhebel – Kansetsu-Waza
In
5 Haltegriff-, 7 Armhebel- und 7 Würgegriffgruppen werden ebenfalls etwa 70
verschiedene Techniken unterschieden zu denen jeweils noch Variationen möglich
sind.
Immer
gilt das technische Prinzip des Judo:
„Die
Kraft ökonomisch einsetzen und mit ihr die größte Wirkung erzielen”.
Im
Einzelnen wird das erreicht, indem man der Kraft des Gegners nachgibt und sie für
seine eigene Aktion mitgebraucht, indem man sein Gleichgewicht bricht und indem
man die eigene Kraft gegen seinen schwächsten Punkt konzentriert.
Graduierungen
und Gürtelprüfungen
Judo
ist eine Kunst, die ein lebenslanges Studium Wert ist. Mit ein, zwei Techniken,.
die man sehr gut beherrscht, kann man. zwar Meisterschaften gewinnen, Verständnis
für das, was Judo alles umfasst, braucht man deswegen noch nicht zu besitzen.
Aufschluss über den technischen Stand eines Judokämpfers gibt der Rang, der
sich in der Gürtelfarbe dokumentiert. Nach Prüfungen die in Deutschland
einheitlich vom Deutschen Judo-Bund durchgeführt werden, kann man in folgender
Reihenfolge verliehen bekommen:
|
„Lehrlinge“ |
8.
Kyu |
weiß-gelb |
|
7.
Kyu |
gelb |
|
|
6.
Kyu |
gelb-orange |
|
|
5.
Kyu |
orange |
|
|
4.
Kyu |
orange-grün |
|
|
3.
Kyu |
grün |
|
|
2.
Kyu |
blau |
|
|
1.
Kyu |
braun |
|
|
„Gesellen“ |
1.
Dan bis 5. Dan |
schwarz***
|
|
„Meister“ |
6.
Dan bis 8. Dan |
rot-weiß |
|
„Großmeister“ |
9.
und 10. Dan |
rot |
***manchmal
werden auch die Schwarzgurt-Träger schon „Meister“ genannt
Vor
der ersten und zwischen jeder Kyu-Prüfung müssen mindestens 6 Monate intensive
Vorbereitungszeit liegen, so dass man frühestens nach 5 Jahren den schwarzen Gürtel
umbinden kann.
Sonstiges
Training?
Alles,
was Sie sonst tun können, um Ihren Körper fit zu machen, wie Laufen für die
Ausdauer, Hantelarbeit für die Kraft, Spiele für Schnelligkeit und
Beweglichkeit, ist gut und hilft Ihr Judo zu verbessern. Besonders auf die
Ausbildung Ihrer Beinmuskulatur (Kniebeugen!), Bauchmuskulatur (Aufrichten aus
der Rückenlage) und Finger- und Unterarmmuskulatur wird Ihr Lehrer achten.
Denn
mit Judo kann der Schwächere den Stärkeren besiegen, ...nur gut trainiert muss
der Schwächere schon sein.
Erfolg?
Kann garantiert werden!
Wenn
Sie wissbegierig, eifrig, zielstrebig und geduldig sind, kann man Ihnen den
Erfolg garantieren. Denken Sie daran:
Einer
der Wege ist Geduld
Auch
der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Viel
leichter ist es, zehntausend Dinge zu studieren, als in einem ein Meister zu
werden.
Interesse geweckt?
Dann
einfach mal reinschauen!